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03.03.2026 | | Mitteilung der Pressestelle
Rekord bei Anträgen von Großinsolvenzen, Einbruch bei Ausgängen: Sanierung wird zur Maßanfertigung

Die wirtschaftliche Lage deutscher Großunternehmen trübt sich weiter ein. Im Schlussquartal 2025 stellten 138 Firmen einen Insolvenzantrag – so viele wie seit sieben Jahren nicht mehr. Gegenüber dem Vorquartal entspricht dies einem Zuwachs von mehr als zehn Prozent, im Vergleich zum langfristigen Durchschnitt von 67 Fällen sogar einer Verdopplung, so der Insolvenzreport der Transformationsberatung Falkensteg. Im Gesamtjahr 2025 summierte sich die Zahl der Insolvenzen auf 481 und lag damit 27 Prozent über dem Vorjahr. „Wir sehen keinen Ausreißer mehr, sondern den Übergang in eine neue Krisenphase, die die Wirtschaft in ihrer Breite erwischt hat“, warnt Jonas Eckhardt, Studienautor und Falkensteg-Partner.

Besonders betroffen sind Unternehmen der höheren Umsatzklassen. In der Gruppe mit 50 bis 99 Millionen Euro Umsatz legten die Insolvenzen von 19 auf 24 Fälle um 26 Prozent zu. Damit geraten gerade jene versteckten Marktführer unter Druck, die als Rückgrat des industriellen Mittelstands gelten. Ihnen fehlen häufig die Finanzierungsspielräume und die internationale Risikostreuung großer Konzerne. Auch oberhalb von 100 Millionen Euro Umsatz bleibt die Zahl mit 15 Fällen auf hohem Niveau und signalisiert, dass die Krise alle Größenordnungen erreicht hat.

Metallwaren weiterhin vorn

Der Blick auf die Branchen offenbart tiefere strukturelle Bruchlinien. Metallwarenhersteller führen trotz eines Rückgangs von 22 auf 19 Fälle weiter die Statistik an, dicht gefolgt von Automobilzulieferern, deren Insolvenzen von 13 auf 16 steigen. Besonders stark trifft es den Autohandel, wo die Zahl der Pleiten von fünf auf 13 klettert und die Erosion des klassischen Vertriebsmodells sichtbar macht. Im Gesundheitswesen verdoppeln sich die Verfahren von fünf auf zwölf Fälle, während die Elektrotechnik einen Rückgang von 16 auf 13 meldet. „Die Insolvenzwelle rollt quer durch zentrale Kernsektoren – und sie hat ihren Scheitelpunkt vermutlich noch nicht erreicht“, sagt Eckhardt.

Zahl der Ausgänge bricht um ein Drittel ein

Im vierten Quartal 2025 hat sich die Dynamik bei den Ausgängen größerer Insolvenzverfahren deutlich abgekühlt. Nur noch 64 Verfahren wurden beendet – ein Rückgang um 29 Prozent gegenüber dem Vorquartal, aber immer noch rund ein Fünftel über dem Fünfjahresmittel. Besonders ins Auge sticht der Einbruch der erfolgreichen Sanierungen: Die Zahl der positiven Lösungen bricht von 56 auf 34 und damit um 39 Prozent ein. „Die Werkzeuge der Restrukturierung greifen spürbar seltener – viele Fälle sind heute komplexer und dauern deutlich länger“, sagt der M&A-Experte.

Auch die Detailauswertung nach Lösungswegen verweist auf eine Verschiebung der Kräfteverhältnisse. Asset Deals als übertragende Sanierung blieben zwar die wichtigste Option, fielen jedoch von 41 auf 29 Fälle. Noch drastischer ist der Rückgang bei Insolvenzplänen: Nur fünf Unternehmen konnten über einen Plan fortgeführt werden, nach 15 Fällen im Quartal zuvor und deutlich unter dem langjährigen Durchschnitt. Hinter diesen Zahlen steht eine anhaltend hohe Belastung der Unternehmen, während die Durchschlagskraft bewährter Instrumente schwindet. „Die aktuelle Entwicklung zeigt, dass wir uns nicht mehr auf Standardwerkzeuge verlassen können – jede Sanierung wird mehr zum Maßanzug“, betont Eckhardt.

Thomas Oberle (SZA): Späte Anträge, schwaches Controlling

Thomas Oberle, Partner der Kanzlei SZA Schilling, Zutt & Anschütz, sieht im Interview mit dem Insolvenzreport vor allem strukturelle Ursachen für die sinkenden Sanierungschancen. Viele Firmen stellten den Insolvenzantrag zu spät und damit dann, wenn die operative Substanz bereits weitgehend aufgezehrt sei. Harte Einschnitte wie Personalabbau, Standortschließungen und Produktbereinigungen müssten dann bereits im Verfahren vollzogen werden.

Zugleich ist das Interesse potenzieller Käufer, insbesondere aus dem Ausland, deutlich zurückgegangen. Internationale Investoren präferieren angesichts besserer Wachstumsperspektiven zunehmend andere europäische Standorte; das Vertrauen in den Wirtschaftsstandort Deutschland sei erschüttert. „Diese Haltung trifft uns bei Distressed Deals in der Insolvenzpraxis unmittelbar“, weiß Oberle.

Hinzu komme ein verbreitet schwaches Controlling. Häufig wüssten insolvente Unternehmen nicht, mit welchen Produkten oder Kunden sie tatsächlich Geld verdienen. Damit fehlen die Fakten, um ein tragfähiges Sanierungskonzept zu entwickeln – und aus der Insolvenz einen Neuanfang zu machen. „Das Controlling ist oft so mangelhaft, dass wir nur mit größter Mühe überhaupt Ansatzpunkte finden“, sagt Oberle.

Über den Insolvenzreport „5 nach 12“

Die Transformationsberatung Falkensteg recherchiert für den Insolvenzreport alle drei Monate das Insolvenzgeschehen. Dazu werden Informationen des Insolvenz-Portals, der Creditreform, des Statistischen Bundesamtes sowie von Insolvenzverwaltern ausgewertet und mit eigenen Analysen ergänzt. Während andere Statistiken die eröffneten Insolvenzverfahren auswerten, konzentriert sich der Insolvenzreport auf den früheren Zeitpunkt der Insolvenzanmeldung. Durchschnittlich liegt zwischen der Anmeldung und der Eröffnung ein Zeitraum von zwei bis drei Monaten. Damit dient der Insolvenzreport als Frühindikator bei den Großinsolvenzen und soll Branchen wie Unternehmen auf die frühzeitige Transformationsnotwendigkeit hinweisen.

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