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Im Maschinenbau sinkt die Rettungsquote insolventer Großunternehmen deutlich, bei den Metallwarenherstellern verharrt sie auf niedrigem Niveau. Gerettet wird, wenn ein Unternehmen auf den Erwerber zugeschnitten ist.
Die Rettungsquote von Maschinenbauern, die 2025 einen Insolvenzantrag stellten, liegt aktuell bei 41,0 Prozent, nach 56,3 Prozent im Vorjahr. 2022 hatte sie noch 73,1 Prozent betragen. Das zeigt die Insolvenzanalyse der Transformationsberatung Falkensteg. Bei den Metallwarenherstellern stieg die Quote zwar von 18,8 auf 29,9 Prozent. Von einer Entspannung kann dennoch keine Rede sein: Mit 67 Verfahren führte die Branche 2025 erstmals die Statistik der Großinsolvenzen an, ein Anstieg um rund 40 Prozent gegenüber dem Vorjahr.
Falkensteg untersucht in der Analyse nur insolvente Unternehmen mit einem Umsatz von mehr als 10 Millionen Euro Umsatz. Als gerettet gelten Unternehmen, die bis zum Stichtag 30.6. des Folgejahres entweder an einen Investor verkauft oder über einen Insolvenzplan fortgeführt wurden.
Die Entwicklung folgt einem klaren Muster. Investoren sortieren schärfer aus als noch vor wenigen Jahren. Fortführung ist kein Selbstzweck mehr, sondern Ergebnis einer strikten Risikoabwägung. Tiefgreifende Sanierungen müssen schon im Verfahren erfolgt sein, denn spätere Nachschärfungen sind kaum möglich oder für den Erwerber viel zu teuer. „Die höhere Quote bei den Metallwarenherstellern ist keine Entwarnung, und der Rückgang im Maschinenbau ist kein Ausrutscher“, sagt Sebastian Wilde, Partner bei Falkensteg. „Der Markt unterscheidet heute sehr genau, welches Geschäftsmodell eine Zukunft hat. Kapazitäten, die strukturell überflüssig geworden sind, übernimmt niemand.“
Wissen lässt sich verkaufen, Hallen nicht
Dass der Maschinenbau trotz sinkender Quote noch überdurchschnittlich oft gerettet wird, hat einen einfachen Grund: Ein Erwerber kauft dort übertragbaren, mobilen Wert. Patente, Konstruktionsdaten, eingespielte Kundenstämme, die installierte Basis mit Service- und Ersatzteilgeschäft sowie werthaltige Maschinenparks lassen sich per Asset Deal herauslösen und notfalls verlagern. Bei Metallwarenherstellern steckt der Wert dagegen in schwer beweglichen, kapitalintensiven Anlagen und im Standort selbst – Schmelz-, Gieß- und Umformlinien sind kaum transportierbar und im Zweifel nur am bestehenden Ort werthaltig. Hinzu kommen Boden- und Grundwasserrisiken, Emissionsgenehmigungen und Rückbauverpflichtungen, die ein Käufer faktisch mit übernimmt. Und weil Metallerzeugung energie- und kapitalintensiv ist, laufen im Verfahren hohe Fixkosten weiter: Jede Woche der Betriebsfortführung verbrennt Masse und verkürzt das Verkaufsfenster. „Die Rettungsquote wird damit zum Seismografen des Strukturwandels.“, sagt Wilde. „Wo Technologie, Kundenbasis und Kostenstruktur stimmen, bleiben Fortführungen möglich. Wo die industrielle Logik fehlt, trennt der Markt härter denn je.“
Vom Verwalter zum Sanierungsmanager
Die Kombination aus sinkenden Quoten und längeren Verfahren, die durchschnittliche Verfahrensdauer stieg von 151 Tagen (2018) auf 200 Tage im Jahr 2025, verändert nach Einschätzung des Transformationsexperten Sebastian Wilde das Berufsbild von Insolvenzverwaltern grundlegend. Die bloße Verwaltung eines Verfahrens reiche nicht mehr aus; gefragt sei ein aktives, operatives Eingreifen in das Geschäftsmodell, die Kostenstruktur und die Kapazitäten während des laufenden Sanierungsprozesses.
Bisher seien solche Einschnitte oft erst nach dem Verkauf durch den Erwerber vorgenommen worden. Doch die Investorenbereitschaft im Markt für Übernahmen notleidender Unternehmen habe in den vergangenen zwei Jahren spürbar nachgelassen. Steigende Finanzierungskosten, geopolitische Unsicherheiten und schwächere Marktaussichten hätten die Hürden für Transaktionen erhöht. „Der Verwalter muss das Unternehmen aktiv auf einen Erwerber zuschneiden, nicht verwertbare Teile abtrennen und dann den überlebensfähigen Kern verkaufen“, sagt Wilde.
Investoren meiden den Standort Deutschland
Verstärkt wird die Auslese durch ein Standortproblem. Deutschland verzeichnete 2025 mit 548 ausländischen Direktinvestitionsprojekten das achte Minusjahr in Folge – der tiefste Wert seit 2009 und 44 Prozent weniger als 2019; europaweit liegt die Bundesrepublik nur noch auf Platz drei hinter Frankreich und Großbritannien. Auch die weiteren Gründe sind bekannt: Hoher Industriestrompreis, Steuerbelastung und die Bürokratie. Vor allem aber fehlt die Rendite: Die EBIT-Marge deutscher Maschinenbauer liegt rund sieben Prozentpunkte unter derjenigen der US-Konkurrenz, die Kapitalrendite bei 12,8 gegenüber 17,4 Prozent in den USA. Nach dem dritten Rezessionsjahr in Folge erwartet der Branchenverband VDMA für 2026 ein Nullwachstum, die Kapazitätsauslastung fiel im April 2026 auf 77,8 Prozent bei einem langjährigen Mittel von 85,6 Prozent. „Niemand investiert in Kapazität, die schon jetzt brachliegt“, so Wilde.
Der Rückzug in der Fläche
Die Insolvenzzahlen steigen weiter, wenn auch verlangsamt. Im ersten Halbjahr 2026 zählte Falkensteg 22 Anträge im Maschinenbau, ein Plus von 22,2 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum. Bei den Metallwarenherstellern waren es 27 Anträge, ein Plus von 8,0 Prozent und damit fast das Doppelte des fünfjährigen Mittels. Die moderaten Zuwachsraten täuschen: Sie erklären sich vor allem durch den hohen Basiseffekt des Jahres 2025.
Wie sich die Insolvenzen entwickeln werden, zeigt auch der Frühindikator der Standortschließungen bei Großunternehmen. Bis Ende 2027 sind 21 vollständige Werksschließungen im Maschinenbau, bei Metallwarenherstellern und Gießereien öffentlich bekannt gemacht worden. 13 sind bereits vollzogen, acht weitere beschlossen oder angekündigt. Teilschließungen sind in der Analyse nicht berücksichtigt. Fast jede zweite Schließung – neun von 21 – entfällt auf Baden-Württemberg, wo die Dichte an Maschinenbauern und Zerspanungsbetrieben besonders hoch ist. Die Begründungen ähneln sich: Kosten- und Wettbewerbsdruck, hohe Energiepreise, schwache Nachfrage und die Verlagerung der Fertigung ins europäische Ausland. Nicht mitgezählt ist der reine Stellenabbau ohne Standortschließung.
Weiterhin hohes Krisenrisiko bei Metallwaren
Das höchste Krisenrisiko tragen weiterhin die Metallwarenhersteller: Der Rückgang der Anträge im ersten Quartal 2026 dürfte nur eine kurze Atempause sein, und weil die Branche zugleich eine der schlechtesten Rettungsquoten aufweist, enden gefährdete Fälle überdurchschnittlich oft in der Schließung. Als latentes Risiko gilt der Maschinenbau: Nach der Automobilindustrie ist er am stärksten auf den US-Exportmarkt angewiesen – rund neun Prozent seiner Bruttowertschöpfung hängen am US-Geschäft – und damit von den amerikanischen Zöllen direkt betroffen. Rund 40 Prozent der Maschinenbauer berichten bereits von einem messbaren Verlust an Wettbewerbsfähigkeit.
„Für 2026 erwarten wir keine breite Entspannung“, sagt Wilde. „Der Maschinenbau ist zyklisch schwach, aber im Kern intakt. Dort wird weiter gerettet, was technologisch etwas kann. Die Metallwarenhersteller stehen dagegen in einem strukturell schrumpfenden Markt. Dort endet die Insolvenz häufiger nicht mit einem Käufer, sondern mit der Schließung.“